Nach diesem etwas längeren und intensiveren Winter als vielleicht gewohnt, wird immer wieder in der Öffentlichkeit auch auf den sogenannten
"hundertjährigen Kalender" hingewiesen. Vom "hundertjährigen Kalender" ist es meist nicht weit bis der Name seines angeblichen Verfassers fällt: Mauritius Knauer.
Ölgemälde: Abt Mauritius Knauer. Nord-Jura Museum Weismain
Angesichts der Tatsache, dass Mauritius Knauer aus meiner Heimatgemeinde (Stadt Weismain, Oberfranken, Bayern) stammt, dachte ich dass es vielleicht ganz sinnvoll sei, einmal für das Forum der Wetterzentrale ein paar Fakten zusammenzutragen. Viel ist zwar im Internet zum hundertjährigen Kalender zu finden, aber dabei ist auch sehr viel oberflächliches und teilweise sogar falsches zur Person des Mauritius Knauer zu finden, wie ich feststellen musste. Etwas Quellenstudium heute Morgen und ein nachmittäglicher Besuch unseres Museums (Nord-Jura Museum der Stadt Weismain) trägt hoffentlich dazu bei einige zuverlässige Fakten zu liefern. Vielen Dank an die freundliche Mitarbeiterin des Museums die mir gestattete Fotos zu machen.
Exponat Nord-Jura Museum Weismain
Mauritius (Moritz) Knauer war Abt des ehemaligen Zisterzienserklosters Langheim. Sein Geburtsort Weismain und seine klösterliche Wirkungsstätte (heute die Ortschaft Klosterlangheim) befinden sich lediglich 15 Km voneinander entfernt. Heute gehören die Ortschaften zum Landkreis Lichtenfels. Der Landkreis Lichtenfels erstreckt sich vom Obermaingebiet zur nördlichen Frankenalb (fränkischer Jura). Die Stadt Weismain nennt sich "Tor zur fränkischen Schweiz. Zu Zeiten Knauers gehörte das Gebiet zum Fürstbistum Bamberg. Erst seit der Säkularisation 1802 wurden "wir" im Fürstbistum Bamberg bayerisch.
1. Herkunft und Ausbildung
Mauritius (Moritz) Knauer kam in Weismain zur Welt. Als Geburtsjahr wird oft das Jahr 1613 genannt. Wie jedoch der Historiker Günther Dippold (vgl. Dippold, Günther: Mauritius Knauer, Abt und Gelehrter, Weismain Band 2, 1996) nachweist könnte es auch das Jahr 1614 gewesen sein. Wurden doch lt. Taufmatrikel von der Familie zwei Söhne gleichen Namens (damals nicht unüblich, da auch oft der Vater oder Großvater mit gleichem Vornamen als Taufpate fungierte) getauft. Ob es sich bei dem späteren Abt nun um den einen (geb. 14.03.1613) oder anderen (geb. 15.09.1614) Sohn handelt konnte bislang noch nicht geklärt werden. Die in Weismain ansässige Familie entstammt teilweise aus angesehenen und wohlhabenden Bürgersfamilien. Mit Hilfe eines Stipendiums konnte Knauer spätestens ab 1628 am Collegium Ernestinum in Bamberg studieren. Der Eintritt in das Zisterzienserkloster Langheim erfogte 1630. Um den Gefahren und Wirren des dreißigjährigen Krieges zu entgehen die auch dem Kloster Langheim schwer zusetzten wurde Knauer nach Österreich (Kloster Heiligenkreuz im Wienerwald) entsandt. 1637 setzte Knauer sein in Studium an der Universität Wien fort, promovierte 1639 an der philosophischen Fakultät zum Magister und empfing nach weiteren theologischen Studien die 1640 die Priesterweihe im Wiener Stephansdom.
2. Wirken in Weismain und Langheim
1644 kehrte Knauer nach Langheim zurück und rückte im Kloster bald zum Prior auf. Auch in der Gegend am Obermain hatte der dreißigjährige Krieg und nicht zuletzt auch die Pest teilweise fast apokalyptische Zustände hinterlassen. Dramatischer Bevölkerungsrückgang, viele fast ausgestorbene Dörfer, nur noch rudimentäre landwirtschaftliche Möglichkeiten und ökonomischer Verfall. Der Konvent konnte sich teilweise nicht mehr im abgelegenen Koster aufhalten sondern weilte in Weismain. 1648 erhielt Knauer den Doktorhut der neu gegründeten Academia Bambergensis. Nachdem 1649 der Langheimer Abt Johann Gagel verstarb, wurde Mauritius Knauer zum neuen Oberhaupt des Klosters gewählt. Sein Wirken als Abt richtete sich vorwiegend auf den Erhalt der Rechte des Klosters sowie auf Maßnahmen zur wirtschaftlichen Reorganisation. Überliefert sind beispielsweise Maßnahmen zur Verbesserung der Landwirtschaft und Viehzucht, Beteiligung an einem Bergwerk und Eisenhammer aber auch geschicktes Vorgehen beim Sichern von Zolleinnahmen, nachdem das Kloster eine Mainbrücke in Hochstadt wieder benutzbar machte (vgl. Dippold, a.a.O., S. 399). Neben wirtschaftlichen Erfolg bewirkte Knauer auch als geistiges bzw. geistliches Oberhaupt einen spirituellen Aufschwung im religiösen Leben des Klosters.
3. Abt Knauer als Wissenschaftler
Der Historiker Dippold beschreibt den Abt als einen Wissenschaftler der neben philosophisch-theologischen Themen noch ein überaus breites Spektrum im Bereich medizinischer sowie juristischer und natürlich nicht zuletzt auch naturwissenschaftlicher abzudecken vermochte. In einer weiteren Abhandlung über Knauer (Müller, Patrick: Mauritius Knauer und der Hundertjährige Kalender, Bamberg 2001) sagt der Verfasser: "Wenn man sich die Bandbreite der wissenschaftlichen Betätigungsfelder des Langheimer Abtes anschaut, kann man ihn ohne Zweifel als Universalgelehrten einstufen." (vgl. Müller, a.a.O., S. 7).
Klösterlichen Überlieferungen zufolge lies sich der Abt auch ein kleines Observatorium in einem Turm einrichten. Im sog. "blauen Turm" an der höchsten Stelle der südlichen Ringmauer vom Kloster machte Knauer astronomische Studien.
4. Sein bekanntestes Werk: Calendarium oeconomicum practicum perpetuum
Während ich bislang in dieser kleinen Abhandlung über Abt Knauer versuchte habe sein Leben und Werk deskriptorisch aus ein paar mir zugänglichen Werken zusammenzufassen, möchte ich in dem Punkt der Wetterbeobachtung des Abtes ein paar eigene in bisher keiner der Quellen aufgefundenen Überlegungen im Zusammenhang mit der Klimageschichte einfliessen lassen.
Sieben Jahre lang von 1652 bis 1658 beobachtete Knauer tagtäglich das Wetter und hielt seine Ergebnisse in Form eines Wettertagebuches fest.
Diese Niederschrift erhielt folgenden Titel: "Calendarium oeconomicum practicum perpetuum. Daß ist: Bestendiger Hauskalender, auß welchen jährlich die Witterung zu erkennen und nach dero Gestalt der Wein- und Veldtbau mit Frucht und Nutzen anzuordnen, die Mißjahr zu erkennen und der bevorstehenden Noth weißlich vorzukommen. Auf daß Franckenlandt und sonderlich auf das Stift Bamberg gerichtet".
Hierzu Dippold: "Er orientierte sich an den konkreten Bedürfnissen seines Umfeldes, denn die Wirtschaft seines Klosters basierte auf Acker- und Weinbau sowie auf Viehzucht. In der Einleitung schreibt Knauer ausdrücklich, der Kalender sei in erster Linie für ihn selbst und seine Mönche bestimmt. Der Kalender sollte dazu beitragen, der Landwirtschaft nach den verheerenden Kriegsjahren auf die Beine zu helfen." (vgl. Dippold a.a.O, S. 404).
Hier bin ich der Meinung könnte noch ein weiterer wichtiger Faktor hinzukommen. In seinem Buch "Klimageschichte Mitteleuropas" weisst Rüdiger Glaser nach, dass sich in den Jahren 1621-1650 die Witterungsverhältnisse von einem eher trocken geprägten Abschnitt (1621-1637) hin zu feuchten, nassen und kühlen Abweichungen umkehren. Glaser sagt sogar "Damit kann der Übergang in eine der Hauptphasen der kleinen Eiszeit nachvollzogen werden ..." (vgl. Glaser, Rüdiger: Klimageschichte Mitteleuropas, Darmstadt 2001, S. 152). Aus den Aufzeichnung des Landgrafen Hermann IV. von Hessen 1621-1650 ist ersichtlich, dass im Jahr 1650 die Höchstzahl von 226 Niederschlagstagen verzeichnet ist (vgl. Glaser a.a.O, S. 141).
Ich vermute doch, dass auch ein Abt Knauer von einer solchen Witterungsumstellung mit beeinflusst war, als er er begann 1652 täglich das Wetter aufzuzeichnen. Er versuchte mit seinen damaligen wissenschaftlichen Weltbild ein schlüssiges Modell der Wetterprognose aufzubauen. Es wäre unangebracht sich über die nach heutigem naturwissenschaftlichen Verständnis völlig haltlose Vorgehensweise Knauers zu belustigen. Man muss bedenken in welcher Zeit und mit welchem Weltbild er gelebt hat. Dieses Weltbild hier näher zu beschreiben würde den Rahmen sprengen, jedoch kann man wohl zusammenfassend sagen, daß es auf der ptolemäischen Lehre beruht, die Erde ruht im Mittelpunkt der Welt und wird von sieben Planeten umkreist. Jedem dieser Planete wird ein eigener Charakter zugeschrieben. Bei Knauer fliesst wohl noch die seit dem 15 Jahrhundert gelehrte Ansicht ein, die Planeten würde irdische Ereignisse beeinflussen und ganze Jahre "regieren". Man bedenke, dass Knauer als ein Mann der Kirche die von Kopernikus verfolgte Systematik wohl auch entschieden ablehnen musste. Das Schlüssige an seinem Modell: Sieben Planeten beherrschen sieben Jahre dann wiederholt sich der Turnus. Das heisst, wenn man die Geschehnisse sieben Jahre lang genau beobachtet und dokumentiert, lassen sich für die darauf folgende Zeit Vorhersagen ableiten.
Das war das Werk des Abtes Dr. theol. Mauritius Knauer. Als Verantwortlicher für die Geschicke eines geistlichen und ökonomischen Großbetriebes versuchte er im Rahmen seiner damaligen wissenschaftlichen Kenntnisse und Möglichkeiten die Zukunft bestmöglich kontrollieren zu können. Er hatte "sein Modell" und machte tägliche Wetteraufzeichnungen. (dürfte manchen hier bekannt vorkommen :-))
Als Zwischenfazit kann festgehalten werden: Knauer ist nicht der Verfasser des "hundertjährigen Kalenders"!
Das eigentlich Lustige folgt nämlich erst etliche Jahrzehnte nach Knauers Tod. Der Arzt und Autor von vielen damals populären Schriften (z.B. "Curieuses und nützliches Frauenzimmer-Apotheckgen") Christoph Hellwig (1663-1721, seit 1716: von Hellwig) gibt ein Druckwerk heraus (vorher wurden etliche Handschriften von Knauers Werk verbreitet, bekannt sind ca. 12-14, viele befinden sich heute in der Staatsbibliothek Bamberg). Mit Hellwigs Buch „Vermehrter / Auff Hundert Jahr gestellter / Curiöser / Kalender / Nemlichen / von 1701. biß 1801. / Darinnen zu finden / Wie ein jeder Hauß-Vater hohes und / niedriges Standes solche gantze Zeit über nach / der sieben Planeten Influentz judiciren und / sein Hauß-Wesen mit Nutzen ein- / richten möge.“ wurde wohl die wundersame Verwandlung von den Wetterbeobachtungen Knauers zum "hundertjährigen Kalender" vollzogen.
Druckerzeugnisse des "hundertjährigen Kalenders" von 1700 bis heute
Etliche Historiker befassen sich damit ob und wenn ja wie viel Veränderungen und Verwechslungen und/oder Verschiebungen von ganzen Jahren zwischen dem Knauerschen Quelltext und dem Hellwigschen Druckerzeugniss eingeflossen sind. Hier herrschen unterschiedliche Meinungen. Festzuhalten ist jedoch sicherlich, dass das Ziel der beiden Schriften doch deutlich von einander abweicht. Während Knauer noch versuchte streng in seinem wissenschaftlichen Weltbild zu arbeiten treten nun, wie man wohl heute sagen würde, medien- und marketingtechnische Ziele in den Vordergrund. Ein Marketingkonzept das praktisch zum Selbstläufer wurde. Von 1700 bis 2006 ist den Menschen der "hundertjährigen Kalender" ein Begriff.
Nachdruck von Knauers Werk
Nachdruck des von Hellwig herausgegebenen Kalenders
Abt Knauer starb am 09. November 1664 im Alter von etwa 50 Jahren. Auch für die damalige Zeit kein allzu hohes Alter. Als 1666 ein Verwandter des Abtes im 40. Lebensjahr starb, notierte der Weismainer Pfarrer in der Matrikel: "Es bleibt war: Kein Knauer wird alt".
Tafel am Weismainer Rathaus
Er hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass auch über 300 Jahre noch über ihn diskutiert wird.